Carl Aigner: Video Home Art
49 Videos, fast
49 Stunden Videoaufnahmezeit mit 49 Personen, ebenso viele
Präsentationsabende sowie eine simultane Gesamtpräsentation
des Kunstprojektes vIDEOLOGie, das Palme & Richtex 1995-96
realisiert haben. Was hier auf den ersten Blick beeindruckend wirkt,
ist die quantitative Dimension eines Projektes, in der sich
gleichzeitig aber auch die qualitative Dimension der Realisation
eines Vorhabens abzeichnet, das eine konzeptive Stringenz impliziert,
die es zurecht ermöglicht, von einem synergetischen Kunstprojekt
zu sprechen.
Ausgangspunkt
ist - wie bei vielen Arbeiten von Palme & Richtex - ein
Fundstück: eine Anleitung zum Erstellen von Deutschlehrbüchern
für Ausländer mit dem Titel: Vom Denken zum
Lehrbuch". Es enthält eine Liste von 49 Begriffen, die sie
als diskursive Grundlage für ihr Projekt in alphabetischer
Reihenfolge übernehmen. Die einzelnen Begriffe bilden
gewissermaßen die thematischen Shifters, mit denen die
vIDEOLOGle sich selbst vernetzt. Personen verschiedensten Alters,
verschiedenster sozialer Herkunft und öffentlicher Stellung
werden mittels eines heterogenen Auswahlverfahrens eingeladen, vor
laufender Videokamera etwa eine Stunde lang über einen der 49
von ihnen ausgewählten bzw. von Palme & Richtex
vorgeschlagenen Begriffen zu sprechen. Die Aufnahmen finden im
privaten Atelier der beiden Künstler statt, ohne daß
jedoch die Gespräche mit den jeweiligen Personen "privaten"
Charakter haben: Die Aufnahmen werden in der Folge - wiederum in
privaten Räumen - öffentlich präsentiert.
Das
Konstruktionsprinzip des Projektes folgt quasi-strukturalen
Strategien, die allerdings nicht nur oppositionell (etwa privat
versus öffentlich), sondern inversiv angelegt sind. Es geht
dabei um die Vernetzung von Privatem und Öffentlichem, von
Pikturalem und Verbalem, von Monolog und Dialog, von Individuellem
und Kollektivem, von Wissenschaftlichem und Künstlerischem. In
dieser Verfahrensweise liegt auch das Faszinierende der vIDEOLOGle.
Die Auslotung und Auflösung dieser Moneme", um es im
Terminus der Linguistik zu formulieren, ist konstitutiv für das
gesamte Projekt.
Die
Verfahrensweise der Projektrealisierung erscheint zunächst
simpel. Richtex beginnt mit der jeweils eingeladenen Person über
den von ihr aus dem Repertoire der 49 Begriffe ausgewählten bzw.
ihr vorgeschlagenen Terminus zu sprechen; je nach
GesprächspartnerInnen entwickelt sich ein monologischer oder
dialogischer Diskurs, der via Videokamera akustisch und visuell
aufgezeichnet wird. Die Art und Weise der medialen Präsentation
folgt immer einem identischen Muster: starre Großaufnahme des
Kopfes bzw. partiell des Oberkörpers (also amerikanisches
Format), die Videokamera selbst bleibt fixiert und folgt nicht den
Bewegungen der portraitierten Person. Das Video wird fast auf seinen
medialen Nullpunkt gebracht, zur Photokamera transformiert: die
Aufnahmen wirken statisch, so, als ob das Medium Video zum
Verschwinden gebracht würde. Verstärkt wird dieser Eindruck
noch durch die Präsenz des Sprechens. Die Rezeption der
Videoaufzeichnung changiert zwischen dem Bild und dem Gesprochenen,
manchmal verschwindet fast das Bild, manchmal das Gesprochene, was
wesentlich auch durch die lange Aufnahme- bzw. Gesprächsdauer
akzentuiert wird - spätestens 15, 20 Minuten nach Beginn
authentifiziert sich die Situation, insofern die jeweiligen
Gesprächspartnerinnen die Anwesenheit der Videokamera in der
Regel vergessen, jede Gewolltheit der Autopräsentation sich
aufzulösen beginnt und der diskutierte Begriff zum Zentrum des
Mediendiskurses wird. Auch in dieser Hinsicht findet eine Inversion
und Verschränkung von Visuellem und Verbalem statt: Wie sieht"
man das Sprechen? Und wie hört man das Sehen"?
Das wohl
signifikanteste Moment dieses Projektes findet sich in der Vernetzung
von Privatem und Öffentlichem, auf der der gesamte
dynamisch-synergetische soziale Charakter basiert (bereits das
verwendete Fundstück selbst dient der sprachlichen Einübung
von Ausländerinnen in neue soziale Gegebenheiten). Die Aufnahmen
werden im persönlichen Ambiente von Palme & Richtex
realisiert, wobei das Video wortwörtlich genommen wird: Video
Home System.
Durch die
Mediatisierung der Gesprächssituation ergibt sich bereits eine
öffentliche Situation, die durch die Konzeption der Präsentation
einerseits verstärkt, andererseits wieder zurückgenommen
wird. Alle 49 Aufzeichnungen werden wiederum in privaten Räumen
vorgeführt, die öffentlich zugänglich sind (das trifft
auch für die simultane Abschlußpräsentation in der zu
Wohnräumen umgebauten ehemaligen Sargfabrik im 14. Wiener
Gemeindebezirk zu) und durch das Prinzip der Gastgeberschaft
realisiert werden, welches gewissermaßen die Gelenkfunktion von
öffentlich und privat bildet.
Die referierten
Begriffe (Abenteuer", Familie", Freizeit,
Zeit", Kleidung", Liebe", Landschaften",
aber auch Künste") ergeben in Relation zu den
jeweiligen Videodiskursen in ihrer Gesamtheit eine Enzyklopädie
des Banalen, der alltäglichen Befindlichkeit im ausgehenden 20.
Jahrhundert; sie sind Dokument und Monument sozialer, kultureller und
mentaler (Wiener) Zustände gleichzeitig, zeigen und verbürgen
mittels Sprache und Bildern das ganze Leben" (so auch der
Titel der zu diesem Projekt im Verlag Turia & Kant erschienenen
Publikation).
Wie würde
wohl jemand, der im Jahre 2200 lebt und zufällig diese
Aufzeichnungen findet, diese sehen, lesen? Als Allegorie über
die Relativität von Lebensformen? Als Parabel auf existentielle
Fragen? Oder würde er über ein Lachen nicht hinauskommen,
falls er überhaupt Zeit hat, fast fünfzig Stunden vor dem
Monitor zu verbringen? (Aber vielleicht stellen sich diese Fragen gar
nicht mehr in einem Zeitalter biogenetisch-technologischer
Herstellbarkeit von Leben.) viDEOLOGle entwickelt - und das soll mit
diesen Fragen angesprochen werden - gleichsam einen ethnologischen
Blick auf die Gegenwärtigkeit des Jahres 1995, ist also auch als
ethnographisches Projekt zu sehen: Den Blick als einen Fremden bzw.
das Vertraute, Gewöhnte als etwas Fremdes wahrzunehmen. Das
alles findet sich in diesem Projekt, sowohl medial als auch
hinsichtlich seiner sozialen Implikationen bzw. seiner Dynamik:
Bekannte und fremde Personen werden in eine Kommunikationssituation
gebracht, diese sozial und temporär vernetzt, kleine
Ethnographien realisiert.
Wiewohl
vIDEOLOGle in seiner Konzeption im österreichischen
Videokunstkontext singulär zu nennen ist (und Tendenzen der
aktuellen Home Art" impliziert), knüpft es an einige
Aspekte und Intentionen früherer Projekte von Palme &
Richtex an (etwa an Der molussische Torso", welcher 1994
in Form von zwei Ausstellungen präsentiert wurde; oder an
Bahnalog" von 1990, als das Medium Video bereits eine
zentrale Rolle als Kommunikator spielte), dies betrifft vor allem den
Begriff des Künstlers/der Künstlerin, den Werkbegriff und
damit verbunden den Urheber- bzw. Originalitätsbegriff.
viDEOLOGle reflektiert nun diese Termini auf der Ebene des Mediums
Video und privat / öffentlich. Diesbezüglich ist es als
kontextuelles Werk zu bezeichnen, insofern auch die Frage nach den
Grenzen eines Kunstwerkes bzw. nach seinen Konstitutionsbedingungen
gestellt wird, Text und Kontext als dialektische Einheit begriffen
werden. Anders formuliert:
Palme &
Richtex halben auch eine soziale Skulptur im Sinne von Joseph Beuys
geschaffen: jedes Kunstwerk birgt in sich soziale Effekte, die selbst
wiederum zum künstlerischen Programm eines Werkes werden können
und vice versa.
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