Situative Bezüge einer Installation Im öffentlichen Raum
Architektonische
Gesamtkunstwerke wie die Altstadt von Salzburg geben vor, bereits
endgültig und für alle Zeiten fertig und vollendet zu sein.
Der berühmte Postkarten-Blick von Rosenhügel aus, mit dem
Mirabellgarten im Vordergrund, den Türmen und Kuppeln von Dom,
Franziskanerkirche, St. Peter und Kollegienkirche im Mittelgrund und
den Silhouetten von Festung und Untersberg als abschließendem
Hintergrund könnte eher von einem Landschaftsmaler komponiert
worden als das Resultat von Natur und jahrhundertelanger Bautätigkeit
sein. Denn das Erstaunliche ist, daß die Natur und die
mittelalterliche Architektur bei diesem barocken
Theaterkulissenzauber mitspielen, so als wäre ihre Existenz
bereits teleologisch im Endresultat des gegenwärtigen
Idealbildes begründet.
Was
sollen heutige Architekten und Künstler diesem Idealbild noch
hinzufügen? Haben sie sich nicht damit abzufinden, daß sie
in diesem Freilichtmuseum schlicht überflüssig sind? Die
Folgen sind bekannt: für Kreative wirkt die Macht des
architektonischen Gesamtkunstwerks mehr lähmend als
inspirierend. Denn die Schöne Stadt" lechzte nach
Schönheit und schirmte sich vor allen Störungen
dementsprechend ab, wie Anton Gugg in seiner Geschichte der
Salzburger Moderne resümiert. Die meisten Künstler ziehen
weg und versuchen an den Kunstbetrieb einer Großstadt
anzudocken. Die Verbliebenen huldigen entweder dem lokalen Kult
affirmativer Schönheit, oder sie richten sich auf eine
permanente Oppositionsrolle ein. Nur den wenigsten gelingt es, so
zu tun, als wären sie nicht hier. Und noch seltener sind die
Versuche, mit dem perfekten genius loci eine konstruktive
Auseinandersetzung zu wagen.
SALZBURGER
KARITAS von Richtex ist eines der seltenen Beispiele der vergangenen
Jahrzehnte, die spezifischen inhaltlichen und ästhetischen
Komponenten des Salzburg-Phänomens in einem Werk im öffentlichen
Raum zu thematisieren. Richtex geht es dabei nicht um eine Kritik am
Salzburg-Klischee, sondern - und zu solch wertneutraler Analyse ist
wahrscheinlich nur ein Nicht-Salzburger wie er fähig - um einen
situativen, sehr behutsamen und dennoch einschneidenden Eingriff.
Salzburg
definiert sich als Kulturstadt. Sieht man von dem folgenreichen
Zufall ab, daß Mozart hier geboren wurde, so wird diese
Definition wesentlich von zwei Komponenten bestimmt: dem historischen
der Fürsterzbischöfe und dem gegenwärtigen der
Festspiele. Räumlich sind diese beiden Komponenten eng
miteinander verzahnt: Dombezirk und Festspielbezirk gehen ineinander
über und werden auf dem Domplatz seit Gründung der
Festspiele im Jahr 1920 Spielstätte des Jedermann" -
deckungsgleich, Auch intentional gibt es zahlreiche Verbindungen,
schwebte doch den Festspielgründern, Max Reinhardt und Hugo von
Hofmannsthal, eine Wiederbelebung des katholisch-barocken
Welttheaters vor. In Reinhardts Vorstellung sollte die gesamte Stadt
eine Bühne sein, und damit reagierte er auf die
Kulissenhaftigkeit der Salzburger Altstadt, die von den Baumeistern
und Erzbischöfen des Barock wie ein großes, monumentales
Bild angelegt worden war. Andererseits sind die Festspiele Salzburgs
bedeutendster Wirtschaftsfaktor, sind also von ihrer ökonomischen
Potenz durchaus dem vergleichbar, was sich an politisch-religiöser
Macht in den Händen der einstigen Kirchenfürsten
vereinigte.
Richtex
suchte sich einen, Ort, wo diese Verzahnung am deutlichsten sicht-
und gestaltbar ist, die Wallistrakt-Bögen zwischen Domplatz und
Franziskanergasse, die den Dombezirk mit dem Festspielbezirk
verbinden. Genauer gesagt, schieben sich hier noch Franziskanerkirche
und -kloster dazwischen, sozusagen Konzeptionen einer armen,
karitativen Kirche im Umfeld kirchenfürstlicher Macht.
Architektonisch ist diese dreiteilige Durchfahrt auf die drei Domtore
bezogen und geht bautypologisch letztlich auf die römischen
Triumphbögen zurück. Seit frühchristlicher Zeit ist
dieses triumphale Herrschaftsmotiv mit dem christlichen der Trinität
verbunden und versinnbildlicht die (in gegenreformatorischer Zeit
wieder akut gewordene) Einheit von Macht und Glauben. Wie so oft in
Salzburg, geht dieses bildhafte Motiv (in diesem Fall des
Triptychons) mit einer äußerst kräftigen
raumplastischen Formulierung überein: die Wallistrakt-Bögen
stellen eigentlich ein Torhaus von beträchtlicher Tiefe dar, das
auch im Querschnitt dreigeteilt ist, sodaß sich zwischen den
mächtigen Konglomeratpfeilern neun Gewölbefelder ergeben.
Richtex
hängte zwischen die vier mittleren Pfeiler eine Art textile
Barriere aus ca. 1.500 Altkleidern, die vom jeweiligen
Gewölbescheitel bis viereinhalb Meter über das
Straßenniveau reicht und eine Stärke von einem guten Meter
aufweist. Damit wurde die Trennfunktion des Torhauses als Grenze
zwischen sakralem und profanem Bezirk verstärke zugleich aber
auch eine Fülle von ästhetischen Sinnbezügen zwischen
den beiden Bereichen hergestellt.
Aus
der Ferne wirkt die Kleiderbarriere wie ein durchgehender Vorhang,
der sich über die Szene der dahinterliegenden Architekturkulisse
senkt. Die einzelnen Kleidungsstücke vereinigen sich zu einer
bunt gemusterten, aber relativ homogenen Fläche. Gerade im
Kontrast zu den sich dahinter erstreckenden Raumfluchten von
Franziskanergasse und Domplatz ist diese Flächigkeit besonders
augenfällig, und sie unterstreicht den theater- und bildhaften
Charakter des Ortes.
Aus
der Nähe wird der dünne Vorhang zu einem voluminösen
Baldachin und treten auch die einzelnen Kleidungsstücke als
solche optisch auseinander. Richtex bündelt damit das
Salzburg-Motiv kulissenhaft geschlossener Fernbilder, die aus der
Nähe zu disparaten und plastisch-schweren Architekturkörpern
werden. Die sich von oben herabsenkende textile Kaskade läßt
sich mit gotischen Figurenbaldachinen oder Stalaktitgewölben
assoziieren, läßt aber auch an einen Kostümfundus im
Theater, einen orientalischen Bazar oder ganz einfach einen Flohmarkt
denken. Hier setzt auch die Verstörung der meisten Passanten
ein, die Frage nach dem Sinn und Zweck der Installation, die eine
Fülle von unterschiedlichen Erklärungsversuchen
hervorbringt. ich möchte mich hier auf jene beschränken,
die als orts- und situationsspezifisch - im Sinne der site
specifity" der Concept art - zu bezeichnen sind.
Eine
Ansammlung von Altkleidern - und darauf bezieht sich zunächst
der Titel SALZBURGER KARITAS - wird in der Regel mit einer
Kleiderspende für die kirchliche Hilfsorganisation Caritas"
verbunden, welche diese an Bedürftige weitergibt. Örtlich
entspricht dem die Nähe zum Bettelorden der Franziskaner, die
einst vom bauwütigen absolutistischen Erzbischof Wolf Dietrich
von Raitenau Anfang des 17. Jahrhunderts in die Stadt geholt worden
waren, um soziale und seelsorgliche Mißstände zu
kompensieren. Die Macht der Repräsentationsarchitektur läßt
den minderen (minoritischen) Wert, die Armut und Fragilität der
abgetragenen Kleider nur umso deutlicher spürbar werden.
Umgekehrt erfahren die Kleider durch den triptychalen
architektonischen Rahmen auch so etwas wie eine - fast sakrale -
Nobilitierung. Bedeutet das Herschenken von etwas, das man selbst
nicht mehr benötigt, zwar kein besonders großes Opfer, so
kann es im Kontext einer christlichen Organisation zu einem Akt der
Nächstenliebe erhoben werden. Richtex verdeutlicht diese
Erhebung" durch die weit über Kopf (nicht wie in
einem Kleiderladen in Griffnähe) angebrachten Textilien, wo sie
der unmittelbaren praktischen, aber auch profanen Verfügbarkeit
entzogen sind und beinahe zu einem temporären "Denkmal"
der Nächstenliebe werden.
Die
Ansammlung der 1.500 Kleidungsstücke läßt sich aus
der Nähe bestimmten Personengruppen (alten/ jungen,
weiblichen/männlichen etc.) zuordnen und wirft die Frage nach
den ursprünglichen Trägern auf, nach der Vielzahl der hier
zu einer Masse vereinigten unterschiedlichen persönlichen
Geschichten, von denen die einzelnen Gewänder als Hülle und
Spur geblieben sind. Jede Hülle verweist auf einen bestimmten
Menschtypus, die Rolle, die er im Leben zu spielen hat. Das Aufgehen
des Individuums in der Anonymität - trotz gesellschaftlich
geprägter Rollen - macht SALZBURGER KARITAS auch zu einem Bild
des "Jedermann", jener Figur des mittelalterlichen
Mysterienspiels, die stellvertretend für alle ist. Im
Jedermann" treten die personifizierten Guten Werke"
auf, eine infolge Jedermanns schlechten Lebenswandels ärmliche
und schwächliche Gestalt, während die Allegorie des
Glaubens - in Aufnahme der reformatorischen Debatte über
Werkgerechtigkeit und Glaube - eine stattliche Figur darstellt.
Richtex rückt die Altkleider in die räumliche sind
inhaltliche Nähe des Jedermann", der durch die realen
Kleidungsstücke realer (z. T. schon verstorbener) Personen
einen, neuen Wirklichkeitsbezug erhält. In der moralisierenden,
als Exempel für den zu bekehrenden Zuseher konzipierten
Geschichte vom Jedermann" steckt eine im
avantgardistischen Theater immer wiederkehrende Kunstfigur: die
Aufhebung der ästhetischen Grenze zwischen Schauspieler und
Publikum: Jedermann" ist jeder, auch du und ich. Für
SALZBURGER KARITAS wurde das Publikum in einer Aussendung der Galerie
5020 dazu aufgefordert, Kleider zu spenden. Das Publikum hat sich
somit in die Kleiderinstallation selbst eingebracht; der
Kleidervorhang ist" das Publikum und stiftet eine ganz
direkte, buchstäbliche Identität zwischen Betrachter und
Betrachtetem. Diese Form, von persönlicher Betroffenheit ist es
auch, die man als ein Ziel der neuen Festspielleitung unter Gerard
Mortier bezeichnen könnte: Musiktheater nicht als affirmative
Weihestunde (im Sinne einer Fortsetzung des Salzburgischen
Schönheitskultes), sondern als Konfrontation mit der
Wirklichkeit und demzufolge (wenngleich natürlich nicht mehr
moralisierender) Auslöser von Veränderungen. Daß die
Festspiele nach wie vor auch ein gesellschaftliches Ereignis sind,
mit spezifischen Ritualen wie der Festspielauffahrt", der
hinter einer Absperrung das normale Volk" beiwohnt, um die
Roben der Prominenten zu bestaunen - auch diesen Aspekt des
Zur-Schau-Stellens von Kleidung dürfte Richtex mit seiner Arbeit
angesprochen haben. Nur so sind die wütenden Angriffe gewisser
Salzburger Kreise zu verstehen, die, vom Boulevard eskortiert, sich
über die textile Provokation" oder den angeblichen
Protest gegen das Festival der Reichen" erregten. Doch wer
sich derart angegriffen fühlt, verrät nicht selten sein
schlechtes Gewissen und gibt damit mehr über sich preis, als ihm
lieb sein dürfte. Auch damit trug und trägt SALZBURGER
KARITAS zur Klärung und Bewußtmachung einer spezifischen
Situation bei, die am Schnittpunkt von Festspiel- und Dombezirk
kulminiert und gewissermaßen das Herz des genius loci Salzburgs
repräsentiert.
(Anselm
Wagner)
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