PHILOSOPHEN:TISCHE

Inhalt
*Über den Tisch
*Hans-Dieter Bahr - Philosophentische
*Werner Gabriel - Philosophentische
*Richard Heinrich - Philosophentische
*Walter Seitter - Von der Sehnsucht nach dem Stehpult
*Helmuth Vetter - Tisch-Marginalien, phänomenologisch
weiter

ÜBER DEN TISCH




Die Idee, Tische zu bauen, hatte ich schon vor 4, 5 Jahren. Es ging mir damals darum, aus Fundmaterial wie Möbelteilen, Druck- und Kunststoffplatten etwas Tischähnliches herzustellen. So kam es, daß ich damals etwa 20 solche Tische entwarf und teilweise auch anfertigte.


In einem Gespräch mit Walter Seitter im Café Diglas im Februar 1995 entstand nun die Absicht, nach den Vorstellungen von Philosophen Tische zu entwerfen und davon zumindest Modelle anzufertigen. Philosophen als Auftraggeber und ich als Realisator ihrer Aufträge.


Nachdem ich am 1. Mai Briefe an etwa 20 Wiener Philosophinnen und Philosophen verschickt hatte, mit der Aufforderung, mir eine Skizze oder einen Beschreibung ihres Tisches zu übermitteln, erhielt ich nach kurzer Zeit die erste Antwort von Hans-Dieter Bahr. In einem persönlichen Gespräch entwickelte auch er eine Idee zu einem konkreten Tisch, schickte mir aber dann einen Text und eine Notiz dazu, die mich davon abbrachte, konkreten Tischvorstellungen nachzujagen, um davon Modelle herzustellen. Er wandte sich vor allem gegen das klaglose Funktionieren und bevorzugte das „Gezeichnete" am Tisch.


Danach ging es mir vor allem um sprachliche Äußerungen zum Thema PHILOSOPHEN:TISCHE. Ich verstand mich jetzt nur mehr als Anreger und Sammler von Texten. Und als Stimulans und Kommunikationsersatz zwischen deren Verfassern. Bis Ende August bekam ich noch von Werner Gabriel, Richard Heinrich, Walter Seitter und Helmuth Vetter Texte für mein Projekt.


Herbert Hrachovec wollte keinen Extratext schreiben, sondern einen seiner Notebooks mit den auf der Festplatte befindlichen Texten (vor allem den unter EMTEX > DOC > TEXARCH auffindbaren) zur Verfügung stellen.


In der konkreten Installation sollten die Texte der sechs Wiener Philosophen in einer Koje mit sechs Tischen „aufgetischt" werden, und zwar so, daß auf fünf Tischen jeweils ein Textblatt über einem Tischtuch ausgebreitet wird. Die Textblätter, als materialisierte Repräsentanten der nicht anwesenden Philosophen, sollte in ein mittelachsiges Sechser-Arrangement zueinander gebracht werden, jeweils zwei gleich große Tische rechts und links und auf Mittelachse gesetzt ein deutlich längerer als Gegenpol zum Notebook-Tisch von Hrachovec.


An den Wänden sollten die Namen in schwarzen Rahmen, zusammen mit den Tisch-Texten, auf den Ernst der Tisch-, Denk- und damit Lebens-Lage anspielen, zugleich auf den versteckten Bildcharakter von Buchstaben, Wörtern, Sprache. Sehen heißt hier zuerst einmal: Buchstaben zu sehen, also zu lesen, dann Gedanken zu erfassen und die von ihnen evozierten Bilder zuzulassen und miteinander zu verquicken.


In ihrer streng symmetrischen Schwarz-Weiß-Ordnung verweist die Tisch-Koje auf die Geschlossenheit von philosophischen Systemen. Zugleich aber wird auch Offenheit, Kommunikationsbereitschaft angedeutet. Da ja die Texte auf der gleichen Ebene angebracht sind, in der üblichen Höhe von Tischplatten, kann ein demokratischer Austausch zwischen Inhalten der Texte stattfinden. Und an dem Betrachter liegt es, die möglichen Kurzschlüsse zu realisieren und in sein Erfahrungssystem einfließen zu lassen.



[home] [weiter]