A-REAL IM
REAL
Zuerst
gab es ein Erstaunen über das stille, zugleich auch so
sprechende, beredte Chaos, über die chaotische
Verwüstungsordnung, die dieses verlassene Fabriksgebäude in
sich barg. Es wirkte so, als wäre irgendwann vor 2 Jahren - das
konnte man den zurückgebliebenen Kalendern entnehmen - plötzlich
der Befehl gekommen, die Arbeit einzustellen. Daher lagen auf den
Tischen noch Arbeitsmaterialien und persönliche Dinge surreal
nebeneinander: goldene Kaffeepackungen neben einem Bügeleisen;
ein Adlerkopffoto neben einem alten Telefonapparat; ein Block mit
privaten Telefonnummern neben einem Entwurf für ein Werbeplakat.
Daher stand in der hinter Türen verborgenen Waschnische noch die
halbleere Slibowitzflasche neben einem menschenleeren
Gummistiefelpaar. Daher fand ich in einem Raum im 2. Stock noch viele
Kartons mit gelben Kuverts in verschiedenen Größen mit dem
Aufdruck Imperial, neben einem Tisch mit zwei abgerundeten
Klappen und einer wuchtigen Schreibmaschine darauf, neben mehreren
Rollen mit den vier Teilen eines Großplakats. Daher kam mir der
EDV-Raum am letzten obersten Ende des linken Gebäudeflügels
mit seinen noch vollzählig vorhandenen, aber mit einer
sichtbaren Staubschicht bedeckten Computerausstattung (bestehend aus
mehreren Bildschirmen, einem riesigen Drucker und einer Unzahl von
Magnetbandrollen) im ersten Moment voll funktionsfähig
vor.
Der
Empfang bot sich mir als ein kleiner Raumkasten mit einem
weichen, federnden, orangefarbenen Boden aus Kuverts und Papieren, in
den ich nur noch den Schrank mit den Magnetbandrollen herabholen
mußte, um ihm die Prominenz zu geben, die ihm gebührte.
Dieses Bild ließ mich nicht mehr los: der graue Schrank mit
zwei Reihen grauer und blauer Rollen, auf den ich dann noch eine
weitere Reihe Rollen setzte. Wichtig ist noch, daß dieser Raum
nicht zu betreten ist, sondern nur von außen, von der Einfahrt
her, abgeschirmt durch die große Überwachungsglasplatte,
betrachtet werden darf.
Der
Expedit stach sofort durch das hellbraun gestrichene Abteil
ins Auge. In der Füllerei 3 hatte ich viele quadratische
Preßplatten mit den schönsten Kaffeespuren gefunden, die
ich. gleich in Beziehung zum roten Plastikboden und der
Heizungsverkleidung bringen mußte. Es war der Gedanke an ein
auswegloses Schachbrett, der mich alle Platten mit gelben
Nummernschildern versehen ließ, aber auch der Reiz der Zahlen,
die eine Kombinationsflut erzeugten und das Strategische und
Ökonomische auf eine einleuchtende Weise miteinander verbanden.
Die
noch vorhandenen Rohre in der Füllerei 2, ebenso die
braun gestrichenen Gußeisensäulen erzwangen eine
Zusammenstellung mit den im hinteren Abschnitt des Gebäudes
abmontierten Teilen des Abfüllsystems. Einfüllen,
weiterleiten, schief, schräg nach unten, oben weit, unten eng,
leichte Drehung, stärkere Drehung und - auf jeden Fall
Hohlräume; und - auf jeden Fall nach oben ragen! Parallelismus
des Phallischen!
Die
Vorhalle zum Maschinenraum zeigt in den Abendstunden
rätselhafte Zeichen an der Wand, die quer und schräg
wandern, deren Ursprung nicht sichtbar ist. Ebensowenig sichtbar ist
die Herkunft der Platten für die Pyramiden, die ich unter dieses
Vordach gesetzt habe, und auch neben die Schienen in der Rösthalle:
sie stammen aus dem Keller, in den kein Licht fällt, aus
mehreren kreisrunden Abmauerungen, wo sie als Rost dienten. Sie wären
unsichtbar geblieben, hätte ich nicht die Dunkelheit überwunden,
auch die Dunkelheit ihrer Formmöglichkeiten. Ich habe sie als
vierzackige Sterne auf den Boden gelegt und dann die einzelnen
Dreiecke hochgeklappt. So stehen sie jetzt von selbst und erscheinen
stabil, sind aber labil, auf eine zarte Weise durchsichtig und zeigen
noch deutlich die Farbe der Feigen, die auf ihnen getrocknet wurden.
Vom
Speisesaal im 1. Stock war ich von Anfang an fasziniert: diese
schreckliche, ausweglose Gelb-Rot-Harmonie, diese für die
anderen Lichtverhältnisse fast grelle Heiligkeit, diese
Konturreste von Bildern und Tischen an den Wänden. Da keine
Tische mehr vorhanden waren, mußte ich sie durch Textplatten
ersetzen und mit ihnen ein Mahl anrichten, für 12 Personen, und
konnte so auf mögliche Lebenswege verweisen, die im Zusammenhang
mit dieser Fabrik stehen, 12 Lese-Mahl-Stationen, an denen man
unentwegt auf- und abschreiten kann, ohne daß Hunger und Durst
gestillt werden.
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