RICHTEX
Meine
Freaks
Am
Morgen des 25. August 1986 hatte ich einen Traum, in dem ich mich mit
einer blutigen Stirn sehen mußte. Als ich aufwachte, hatte ich
zwar keine wirklichen Wunden, war aber doch fasziniert von diesen
unsichtbaren Malen. Ich mußte sie sichtbar machen, auf eine
möglichst wenig schmerzhafte Weise. So ist dieses erste Büd
auf Papier entstanden, eine Art Selbstporträt, mit verstümmelter
Hand und zwei roten Strichen quer über die Stirn.
Was
das Schneiden mittels Rasierklingen betrifft, so war ich früher
mehrmals Zeuge gewesen, wie Bekannte einander auf mehr oder minder
kunstvolle Weise Schnitte zufügten. Ich identifizierte mich
dabei allerdings nie mit dem Geschnittenen, sondern immer mit dem
Schneidenden. Im Traum war ich aber der, der geschnitten wurde; in
Wirklichkeit wechselte ich dann die Rolle, indem ich das Gesicht des
Geschnittenen, der ich gewesen sein mußte, mit wenigen präzisen
Pinselstrichen in einem Bild fixierte.
In
der ersten Mal-Phase, die etwa zwei Monate gedauert hat, kommt das
Motiv der Verletzungsmale auf den meisten Bildern vor. Die schwarzen
Striche sollen eine ganz scharfe, relativ breite und feste Kontur
abgeben. Man könnte daher auch sagen, wenn ich male, füge
ich dem Papier oder der Leinwand mit der Rasierklinge Schnitte zu.
Die
schwarzen Striche können aber auch als das Durchbrechen der
Leere hinter der Leinwand gedeutet werden. Es wäre denkbar, zwei
Leinwände knapp hintereinander aufzuspannen, um dann die erste
anstelle des Pinsels mit einer Rasierklinge zu bearbeiten, wobei mir
das allerdings - wollte ich die bisherigen Formen der Pinselstriche
beibehalten - technisch nicht möglich erscheint.
Das
rote Ohr auf dem Bild vom 19.9.86 entstammt dem Reiz, auf einem
kleinen Stück des Papiers auch etwas Plastisches, Andersfarbiges
sehen zu wollen. Hier verbindet es auch den Vorder- mit dem
Hinterkopf, das vordere Gesicht mit dem hinteren. Auf anderen Bildern
kommen gemalte Münder und Nasen vor, eigentlich die Umdeutung
einer ausgequetschten Farbtube.
Auf den
ersten drei Leinwänden, die ich im Jänner 1987 begonnen
habe, kehrt dieses Motiv wieder in Form von gemalten, polygonalen,
roten Flächen, für mich das durchbrechende Fleisch. Die
erste Leinwand wies ursprünglich ein ganz anderes Gesicht auf.
Von ihm ist nur ein Teil dieser Fleischwunde auf der Wange geblieben,
wenn auch in der Form verändert.
Anfangs
wollte ich bewußt nur Triptychen machen. Drei Bilder sollten
zusammengehören und jeweils etwas Gemeinsames zeigen: z. B.
diese Aufbrüche in derselben Farbe oder Schrift-Stellen. Deshalb
gibt es auf den ersten drei Leinwänden diese Fleischwunden.
Eine andere
Regel, an die ich mich von Anfang an gehalten habe, war, mit den
Farben höchst sparsam umzugehen, d. h. dem Schwarz-Weiß
höchstens noch eine dritte Farbe hinzuzufügen, Rot oder
Blau. Später, als ich Fragmente von anderen Bildern eingebaut
habe, waren es auch andere Farben; am liebsten habe ich erdige Töne.
Daraus ist dann die Tendenz entstanden, die Konturen - oder Gravuren
- nicht nur mit Schwarz, sondern teilweise auch mit Rotbraun oder
Rötel zu ziehen.
Die
ersten 4, 5 Papierbilder habe ich noch nicht vorgezeichnet. Damals
war mir der authentische Strich wichtig, als unkorrigierte Umsetzung
eines bestimmten Körper- und Seelenzustands. Wobei diese ja
unmittelbar aus dem Schlaf, dem Traum herausgeflossen sind. Ich bin
gleich nach dem Aufwachen aufgestanden und habe diese Träume
fixiert und war der Überzeugung, daß das, was meine Hand
spontan notiert hat, keiner Korrektur bedürfe. Bald habe ich
aber auch Fotos, Zeitungsausschnitte usw. als Ergänzung oder
Anregung der Bild-Erfindung benützt; daraus ist auch die
Notwendigkeit der Vorzeichnung bzw. der nachherigen Korrektur
entstanden.
Für
die ersten drei Leinwände ist die Spannung zwischen kalkulierten
und sich zufällig ergebenden Elementen - in Form einer
verblasenen Spinnweb-Schrift - typisch. Die Linien sind kalkuliert,
der Text spiegelt spontan den damaligen Bewußtseinszustand
wider. Z. B. der erste Satz auf der ersten Leinwand: Das Fleisch
vibriert. Der Text ist also nicht vorher entstanden und bearbeitet
hinzugefügt, sondern als ein Notat während des
Malprozesses, wobei sich dieser meistens über zwei, drei Monate
erstreckt.
Auf
dem Bild 3/87 steht allerdings ein modifiziertes und erweitertes
Zitat des italienischen Mönchs Fra Michele da Carnaco, 1492
geschrieben: Bilder sind erfunden worden, weil viele Menschen nicht
im Gedächtnis behalten können, was sie hören, wohl
sich erinnern, wenn sie Bilder sehen. Daraus ist dann folgendes
geworden: Für Menschen, die nicht im Gedächtnis behalten
können, was sie hören, sich aber wohl erinnern, wenn sie
ein Bild sehen also für Fleischhacker, Einbrecher, Ehebrecher
und Kunsthändler. Daß gerade diese Berufsgruppen
angesprochen werden, mag damit zusammenhängen, daß auf dem
Bild wieder ein Blick auf das rohe Fleisch unter der Haut getan wird,
zugleich ein Durchblick auf das hinter der Leinwand Befindliche.
Im Gegensatz
zu den Papierbildern lösen sich auf den Leinwänden die
bestimmten Formen mehr auf, weshalb sich immer mehrere
Deutungsmöglichkeiten bzw. Blickwinkel anbieten. Bei manchen
habe ich allerdings durch die Kombination von schwarzen und
rotbraunen Konturen versucht, wieder eine eindeutigere Ordnung zu
erzeugen, wie z.B. auf Bild 5/87.
Dieses
Bild entstand nach der Lektüre der ersten Seiten des Buches Die
Genesis der kopernikanischen Welt von Hans Blumenberg, wo von den
Kosmogonien der Griechen die Rede ist. Ich hatte zuerst nur Striche
von einem Zentrum weg; dann kam die äußere Schädelform
hinzugefügt usw. Von mir aus ist das die Welt im Kopf, die sich
hinausschleudert oder vielmehr hinauswächst oder -quillt.
Umgekehrt kann man auch sehen, daß etwas in etwas
Schädelartiges eingepflanzt wird. Dann die Augen - ein Glotzen,
ein leeres Glotzen dieser drei leicht verschiedenen TV-Augen. Drei
Augen ergeben mindestens drei changierende Gesichter. Dazu die
Nasenandeutungen bzw. -brechungen und der Wechsel .von En face und
Profil. Ein Bild entsteht, indem ich Zeichen aneinandersetze, die -
ab einer bestimmten Entfernung - einen gewissen Bild-Sinn ergeben
können. Ein Puzzle aus individuellen Zeichen, wie z.B. die
Spindel; die gebleckten Zähne; das Flügel-Auge.
Der
da auf Bild 5/87 scheint gerade - so oder so - getroffen worden zu
sein. Er kriegt von allen Seiten etwas hinein. Oder besser: ein
Ansturm von Eindrücken dringt verwirrend über seine
Auswüchse, seine Fiihl-Organe in ihn ein. Eine Art
Stadtindianer, ein zweifarbiger, mehrschichtiger, mehrgesichtiger
Punk.
Auf
Anhieb glotzt irnmer etwas von der Leinwand auf mich herab. Zeichen,
die sich zu Mißgeburten ordnen. Freaks, Monster - also immer
etwas Schöneres als das, was der Natur im Normalfall gelingt.
Wenn man diese Zeichen so zusammengehen kann, daß sie
Kopf-Gestalten ergeben, dann sind es Wesen, die keine Maske haben,
schutzlose Wesen. Der Mensch kommt auf den Bildern immer nur als Kopf
vor, höchstens noch umgeben von Händen, Armen, Finger- und
Armartigem, auch von Gekröse. Wobei mich an den Körperformen
nicht so sehr interessiert, wie sie in Wirklichkeit sind, sondern
wohin sie in Wirklichkeit weisen. Welche Zeichen sie beinhalten.
Finger z.B.: aus etwas Größerem einem Stamm, wenn man will
- wächst etwas Kleineres weg. Das kann entweder zart oder
unförmig sein oder schwer und lastend wie der Hodensack eines
Stiers.
Schon
mit meinem ersten Bild wollte ich die Natur nicht abzeichnen, sondern
verzeichnen. Die Natur soll korrigiert werden im Hinblick auf die
Möglichkeiten der Formen, die in den Wirklichkeiten der Formen
steckt. Das ist keine Verschönerung, sondern eine
Verwahrheitlichung. Ich stelle die momentane Wahrheit meines Gesichts
her - Gesicht auch im Sinn von Vision oder auch Alptraum. Ich fixiere
meine Alpträume, den jeweils einzig aktuellen Ich-Zustand. Es
sind Visionen von Fallout-Menschen, auf ihre Gesichter, ihre
Kopf-Körper reduziert.
Bilder, auf
die Fragmente von anderen Bildern geklebt wurden, sind dadurch schon
in ihrer Komposition fixiert. Ich verwerte, was darauf zeichenhaft
ist, und führe es weiter. Ich gehe zwar äußerst
gewaltsam mit der Anatomie um. Ich bin dabei aber auch der Operateur,
der nach ganz eigenen Gesetzen das, was er mit seinen Augen
ausgeschnitten hat, neu zusammenfügt.
Ich
betrachte meine Bilder als Hoffnungs-Bilder. Ich zerstöre nicht,
ich versuche das, was ich bereits zerstört vorfinde, durch eine
neue Formgebung zu retten. Ich denke, ich blende nicht mit dem
schönen Augen-Blick auf das, was in der nächsten Sekunde
kaputt gehen wird.
Auch
die letzten Bilder sind in einem gewissen Sinn Selbstporträts.
Ich kann mich als jemanden sehen, der seine Zähne dauernd
bleckt, als jemanden sehen, der anstelle seiner Schädeldecke
florale Auswüchse hat, ich kann mich als einen Ohrenlosen, als
einen Dreiäugigen, als einen Flügeläugigen usw. sehen.
Aber jeder kann sich da wiederfinden, wenn er von sich als
zweckmäßiges und folgerichtiges Ergebnis der Evolution
absieht und sein Augenmerk auf das denk- und vorstellbare Andere
lenkt.
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