Bahnalog

Inhalt
*Bahnalog
*Total Recall
*Waggon::Einheit
*Lebens:Zeit:
Kumulation: Text 1

*Lebens:Zeit:
Kumulation: Text 2

*Lebens:Zeit:
Kumulation: Text 3

*Lebens:Zeit:
Kumulation: Text 4

*Lebens:Zeit:
Kumulation: Text 5

*Lebens:Zeit:
Kumulation: Text 6

*Lebens:Zeit:
Kumulation: Text 7

*Lebens:Zeit:
Kumulation: Text 8

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Peter Zawrel

BAHNALOG


"Zusammen eng geschmiedet wird der Raum,
Gebrochen seine Rechte an die Zeit;
Die Wirklichkeit, sie wird zum Traum,
Und unser Traum stirbt an der Wirklichkeit.
O Eisenbahn, was bist du kommen,
Hast unsere Erde uns genommen!"

Daß die Zeit den Raum frißt, ist also keine so neue Erkenntnis; ebenso, daß die Zukunft so schnell von der Gegenwart eingeholt wird, daß gar keine Zeit bleibt, sich des gerade erst Vergangenen bewußt zu werden. Immerhin: Aus dem Fenster des Eisenbahnwaggons blickend, kann es sich der Reisende noch aussuchen, ob er seinen Blick nach hinten in die - aus dem Vordergrund - anwachsende Landschaft schweifen läßt, oder nach vorne blickt, woher ihm die Wirklichkeit entgegenzufliegen scheint, unscharf erkennbar zwar, aber Neues, Unbekanntes versprechend. Im Automobil dagegen ist auch dieser Gegensatz zusammengeschmolzen, wenn der nervöse Blick des Fahrers im Bildfeld der Windschutzscheibe gleichzeitig mit dem auf ihn Heranrasenden das - im Rückspiegel - ebenso schnell Verschwindende erfaßt. Die Tilgung des Schon-Eingetretenen durch das Noch-nicht-Erfüllte läßt mit Ernst Bloch gesprochen - nicht den Hunger nach Zukunft, sondern nach größerer Geschwindigkeit wachsen. Das Autofahren hat den Reisenden zum aktiven Gestalter gemacht und gibt ihm die Illusion, über Raum und Zeit zu herrschen, Zeit schneller vergehen lassen zu können - das heißt, Gegenwart in der Intensität ihres Erlebens zu vernichten. Der Eisenbahnreisende erscheint dem gegenüber passiv, er vertraut sich einer „Raum-Zeit-Plastik" an, einer Maschine, zu deren Bestandteil er wird. Diese Situation erweitert RICHTEX in der Waggon:Einheit um die Dimension der Reflexion. Zu den verschiedenen Möglichkeiten des Zeitvertreibs durch den Eisenbahnreisenden - schlafen, lesen, essen, aus dem Fenster schauen, Reisebekanntschaften schließen - tritt nun jene der Konfrontation mit der ihn umgebenden Raum-Zeit-Maschine selbst.

Während Automobile lediglich stehenbleiben und anfahren, gehen Züge ab oder kommen an. Der Ort von Abschied und Willkommen heißt Bahnhof und ist eine hochkomplizierte Kommunikationsmaschine, deren Handhabung die Kenntnis einer speziellen Zeichensprache erfordert, die sich hauptsächlich des Piktogramms bedient. Piktogramme sind Orientierungshilfen, Assoziationsauslöser und ersetzen die Wirklichkeit - indem sie die konzentrierte Aufmerksamkeit des Benützers auf sich ziehen, lassen sie ihre Umgebung in Bedeutungslosigkeit versinken. Aneinanderreihungen von Piktogrammen ließen sich stets beliebig ergänzen durch solche Bilder, die jeweils nur für ihren Erfinder Sinn machen - diese individuellen Zeichen würden niemanden anderen auffallen, sie würden weder irritieren noch stören. Die Zeichensammlung Memory von WALTRAUD PALME will jedoch irritieren, und darüber hinaus stellt sie jedes genormte Verhalten in Frage, das von Zeichenfolgen gesteuert wird. Was wir ohne solche Zeichen überhaupt täten, läßt sich nicht beantworten, da unsere Augen ihre Unschuld schon lange verloren haben, und mit ihnen unsere Erinnerung. „Bahnalog“ ist Versuchsstation für eine andere Wirklichkeit. Eisenbahn und Bahnhof sind noch Mythologeme des technischen Zeitalters, Erinnerungsstücke, deren gegenwärtige Verwendung in stetem Widerspruch zu ihrer erinnerten Bedeutung steht. Nur im Kunstwerk ist dieser Widerspruch aufgehoben, „. . . und unser Traum lebt in der Wirklichkeit".


*) Christian Friedrich Scherenberg, Eisenbahn und immer Eisenbahn. In: Ders. Gedichte. Berlin 1845, p. 74. Gefunden bei Klaus Albrecht Schröder, Die Eisenbahn in der Kunst. Katalog der Ausstellung des Kunstforums Länderbank (Wien 1987.) p. 41.



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