Peter Zawrel
BAHNALOG
"Zusammen
eng geschmiedet wird der Raum,
Gebrochen seine Rechte an die Zeit;
Die Wirklichkeit, sie wird zum Traum,
Und unser Traum stirbt an der Wirklichkeit.
O Eisenbahn, was bist du kommen,
Hast unsere Erde uns genommen!"
Daß
die Zeit den Raum frißt, ist also keine so neue Erkenntnis;
ebenso, daß die Zukunft so schnell von der Gegenwart eingeholt
wird, daß gar keine Zeit bleibt, sich des gerade erst
Vergangenen bewußt zu werden. Immerhin: Aus dem Fenster des
Eisenbahnwaggons blickend, kann es sich der Reisende noch aussuchen,
ob er seinen Blick nach hinten in die - aus dem Vordergrund -
anwachsende Landschaft schweifen läßt, oder nach vorne
blickt, woher ihm die Wirklichkeit entgegenzufliegen scheint,
unscharf erkennbar zwar, aber Neues, Unbekanntes versprechend. Im
Automobil dagegen ist auch dieser Gegensatz zusammengeschmolzen, wenn
der nervöse Blick des Fahrers im Bildfeld der Windschutzscheibe
gleichzeitig mit dem auf ihn Heranrasenden das - im Rückspiegel
- ebenso schnell Verschwindende erfaßt. Die Tilgung des
Schon-Eingetretenen durch das Noch-nicht-Erfüllte läßt
mit Ernst Bloch gesprochen - nicht den Hunger nach Zukunft, sondern
nach größerer Geschwindigkeit wachsen. Das Autofahren hat
den Reisenden zum aktiven Gestalter gemacht und gibt ihm die
Illusion, über Raum und Zeit zu herrschen, Zeit schneller
vergehen lassen zu können - das heißt, Gegenwart in der
Intensität ihres Erlebens zu vernichten. Der Eisenbahnreisende
erscheint dem gegenüber passiv, er vertraut sich einer
Raum-Zeit-Plastik" an, einer Maschine, zu deren
Bestandteil er wird. Diese Situation erweitert RICHTEX in der
Waggon:Einheit um die Dimension der Reflexion. Zu den
verschiedenen Möglichkeiten des Zeitvertreibs durch den
Eisenbahnreisenden - schlafen, lesen, essen, aus dem Fenster schauen,
Reisebekanntschaften schließen - tritt nun jene der
Konfrontation mit der ihn umgebenden Raum-Zeit-Maschine selbst.
Während
Automobile lediglich stehenbleiben und anfahren, gehen Züge ab
oder kommen an. Der Ort von Abschied und Willkommen heißt
Bahnhof und ist eine hochkomplizierte Kommunikationsmaschine, deren
Handhabung die Kenntnis einer speziellen Zeichensprache erfordert,
die sich hauptsächlich des Piktogramms bedient. Piktogramme sind
Orientierungshilfen, Assoziationsauslöser und ersetzen die
Wirklichkeit - indem sie die konzentrierte Aufmerksamkeit des
Benützers auf sich ziehen, lassen sie ihre Umgebung in
Bedeutungslosigkeit versinken. Aneinanderreihungen von Piktogrammen
ließen sich stets beliebig ergänzen durch solche Bilder,
die jeweils nur für ihren Erfinder Sinn machen - diese
individuellen Zeichen würden niemanden anderen auffallen, sie
würden weder irritieren noch stören. Die Zeichensammlung
Memory von WALTRAUD PALME will jedoch irritieren, und darüber
hinaus stellt sie jedes genormte Verhalten in Frage, das von
Zeichenfolgen gesteuert wird. Was wir ohne solche Zeichen überhaupt
täten, läßt sich nicht beantworten, da unsere Augen
ihre Unschuld schon lange verloren haben, und mit ihnen unsere
Erinnerung. Bahnalog ist Versuchsstation für
eine andere Wirklichkeit. Eisenbahn und Bahnhof sind noch Mythologeme
des technischen Zeitalters, Erinnerungsstücke, deren
gegenwärtige Verwendung in stetem Widerspruch zu ihrer
erinnerten Bedeutung steht. Nur im Kunstwerk ist dieser Widerspruch
aufgehoben, . . . und unser Traum lebt in der
Wirklichkeit".
*) Christian Friedrich Scherenberg,
Eisenbahn und immer Eisenbahn. In: Ders. Gedichte. Berlin 1845, p.
74. Gefunden bei Klaus Albrecht Schröder, Die Eisenbahn in der
Kunst. Katalog der Ausstellung des Kunstforums Länderbank (Wien
1987.) p. 41.
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